Bildung leicht verständlich und doch schwer verdaulich

Bildung leicht verständlich und doch schwer verdaulich

Reden wir doch mal über Bildung. Tun schließlich alle, warum nicht auch eine Mutter, ausgebildete Lehrerin und Journalistin, die über das Selbstverständnis von Bachelor-Absolventen, Ausbildungsbegleitung oder MINT-Begeisterung schreibt. Bin ich also eine Bildungsjournalistin? Seit einer gleichnamigen Preisverleihung habe ich meine Zweifel. Da zeichnete die Telekom Stiftung nach eigenen Angaben Kollegen aus, die komplexe Themen der Bildung so aufbereiten, dass sie auch für Laien gut verständlich sind – und manövrierte mich ins Abseits. Nicht, dass es mich auf die Bühne gezogen hätte, das wäre auch inkonsequent, ich hatte mich ja nicht einmal beworben. Aber als es nach reichlich Prosecco, Musik und Wortspiel endlich um „meine Kategorie“, also Text ging, wurde deutlich, dass zwischen mir und den Preisträgern Welten liegen. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun (in dieser Kategorie sind alle Preisträger männlich), wohl aber mit der Arbeitsweise und dem Selbstverständnis. Aber machen Sie sich doch erst einmal selbst ein Bild:

Der erste Preis ging an Bastian Berbner und Henning Sußebach für „In Braunschweig machen 48 Prozent der Schüler Abitur. In Cloppenburg 18 Prozent. Wie kann das sein?“ (DIE ZEIT, 15. März 2018): Für die Beantwortung der Frage haben ein Datenjournalist und ein Reporter aus dem Zeit-Dossier wochenlang recherchiert, nicht nur mit Schülern, Eltern und Lehrern gesprochen, sondern auch mit Berufsberatern, Therapeuten und Bestattern. Sie fanden zwei völlig unterschiedliche Welten und Lebensverhältnisse in ein- und demselben Bundesland und bekamen viel Lob – wenn auch von insgesamt ungewöhnlich wenigen Kommentatoren. „Aber vielleicht war der Artikel den ‚Berufskommentatoren‘ auch einfach zu nur lang“, vermutet einer von ihnen. Länge Online: sieben Bildschirmseiten!

Den Zweiten Preis bekam Johannes Böhme für „Sorgenkinder“ (Süddeutsche Zeitung Magazin, 7. Juli 2017): Der Autor hat im Zivildienst täglich eine Gruppe sehr aktiver, ja meist sogar hyperaktiver und bisweilen aggressiver Kinder in den Kindergarten und wieder nach Hause gefahren. Neun Jahre später sucht er sie wieder auf – und erzählt ihre Geschichten dann auf 25 Bildschirmseiten und in gut 47550 Zeichen wieder. Sein Fazit: Dass die Geschichten der Kinder so unterschiedlich weitergingen, habe ihn nicht wirklich überrascht. Die Schicksale seien damals schon vorhersehbar gewesen.

Der Dritte Preis ging an Björn Stephan für „‚Die wittern deine Schwäche!‘ Eine Woche im Lehrerzimmer einer Brennpunktschule“ (DIE ZEIT, 1. März 2018) Damit ist eigentlich alles gesagt: Der Autor hat eine Woche lang im Lehrerzimmer ein Brennpunktschule verbracht und die Gespräche mitgeschnitten. Anschließend hat er die aus seiner Sicht markantesten Zitate transkribiert, anonymisiert und zu gut vier Bildschirmseiten verdichtet. Der Beitrag hat viele Kommentatoren auf den Plan gerufen, die sich über „Luschipuschi-Sozialpädagogik“ und die Höhe von Transferleistungen in Deutschland aufregen. Was sonst?

Halten wir mal fest: Ein von der Telekom Stiftung ausgezeichneter Text über Bildung in unserer Gesellschaft, sollte

  • seitenstark sein
  • zeit- und kostenaufwändig recherchiert
  • sich um Schule oder zumindest Schulkinder drehen.

Damit scheint dieser Medienpreis aber insgesamt ungeeignet für Freie. Denn Freie werden in der Regel nach Zeile und nicht nach Rechercheaufwand bezahlt. Egal wie hoch dieser also ist, muss die Zeilenzahl daher bitteschön im Rahmen bleiben. Aus Kostengründen, aber auch weil es angeblich dem Leseverhalten der meisten Leute entspricht. Kurz. Twitter. Whatsapp.

Bevor die hochkarätige Jury mir nun aber Entrüstung unterstellt und diese mit Karl Kraus als Feigenblatt des Neides versteht, möchte ich betonen: Jedem der drei Beiträge liegt eine schöne Idee zugrunde sowie die Lust, der Sache so konsequent wie möglich auf den Grund zu gehen. Das ist lobenswert. Ich will aber auch nicht verhehlen, dass ich die Umsetzung beim dritten Preis keineswegs gelungen finde. Der Wahnsinnsaufwand scheint mir nicht gerechtfertigt, ich bin sogar versucht zu behaupten, dass ich es mit ein paar Lehrergesprächen auch nicht schlechter hinbekommen hätte. Wenn es denn jemand bezahlt hätte…

SEO Analytics Tools bitten an dieser Stelle darum, auf den Punkt zu kommen. Und in jedem Fall die meisten meiner Sätze im Sinne des „Flesch reading ease score“ zu kürzen. Ob die drei Preisträger wohl den Test bestehen würden? Ich denke, es ist in jedem Fall ein Bildungsproblem, wenn nur noch Drei-Wort-Sätze erwünscht sind. Denke ich zu kurz? „Das Problem ist ja nicht das Denken“, scherzt kurz vor dem Einläuten der Tiefenentspannung mein Yogalates-Trainer, der seine Stunden gern mit Lebensweisheiten garniert. „Das Problem ist, dass wir uns mit unseren Gedanken auch identifizieren, uns daran festbeißen und viel zu sehr glauben, dass wir sind, was wir denken.“ Indem uns beispielsweise durch den Kopf geht „Ich bin ein Bildungsjournalist“ oder „Ich bin kein Preisträger“, statt einfach nur zu sein. Halten wir es also mit Yogalates, spannen kurz alle Muskeln an, lassen dann los, denken noch „Ich bin“ – und schlafen ein!

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