Buch macht Berater – aber noch lange keine Leser

Buch macht Berater – aber noch lange keine Leser

Die Unternehmersberater, Trainer und Speaker dieser Welt können einem fast leid tun. Weil die Devise gilt, kein erfolgreicher Berater ohne Bestseller veröffentlicht die Branche, was das Zeug hält. Wo genügend Bargeld vorhanden ist, werden Ghostwriter und Agenturen beschäftigt oder gleich ein Selbstverlag gegründet. Wo nicht, wird sich verbissen durch mindestens 190 Seiten gequält – so viel Stoff muss schon sein. Schließlich hat man oder auch frau ja etwas zu sagen. Fragt sich nur, wer soll das ganze Zeugs nachher lesen. image_manager__poster_vorsicht_buch_logo_4c.jpg.883282Mich persönlich enttäuschen vor allem Ratgeber wie „100 Tipps zu“,“ in sieben Schritten zu“ oder das „1×1 von…“ in der Regel. Wie geht Ihnen das?

Das ist vielleicht ein ganz interessantes Phänomen: Schnelle Hilfe für große Probleme, das wollen wir doch alle, stürzen uns auf die Lektüre und legen sie bald wieder aus der Hand. Weil wir nach wenigen Seiten schon nicht mehr wissen, was am Anfang stand. Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns selbst zu sehr „aus den Händen geben“. Wir nehmen uns einfach nicht die Zeit, herauszufinden, was uns selbst in schwierigen Lebenssituationen geholfen hat. Oder anders gesagt, wir geben das eigene Denken, die eigenen Erfahrungen und den Dialog mit dem imaginären Autor am Buchdeckel ab.

Ein zweites Phänomen ist in diesen Tagen festzustellen: die Leser machen sich rar. Laut dem Branchen-Monitor des Deutschen Buchhandels haben im Juni alle Editionsformen Leser verloren (genannt werden Taschenbuch, Hörbuch, Hard- und Softcover – wobei zu fragen ist, was der Unterschied zwischen Softcover und Taschenbuch ist und wo die E-Books bleiben!) Bei den Warengruppen steht es vor allem um die Kinder- und Jugendbücher schlecht, die Ratgeber stehen noch vergleichsweise gut dar. Was auch nichts anderes heißt als: die jungen Lesergruppen wenden sich anderen Kommunikationsformen zu und die Ratgeberjünger werden immer älter – und sterben irgendwann aus.

Nein, das Leichentuch für das Buch will ich damit nicht ausbreiten. Es gibt wirklich noch erstaunlich viele gute Veröffentlichungen. Aber Bücher als Denkmal für die Ewigkeit haben schon lange ausgedient und statt „Schreib ein Buch“ könnte die Losung an alle Möchtegern-Rhetoriker ebenso gut heißen: „Schütze einen Bach“ oder „Schaff endlich Bodenhaftung.“ Denn viele dieser Beraterbücher leben die Philosophie des „Lebe deine Träume“. Nur davon lesen allein genügt nicht. Wir müssen endlich ins Tun kommen statt ins Träumen. Am besten mit Mut, Klarheit und Risikointelligenz.

Sonst geht es uns wie der Jungautorin, Nickname Ngoci, die es wagt im Autorenpool von Books on Demand zu fragen: 

Ich schreibe gerade an einem Roman und wollte gerne wissen, wie viele Seiten ein Kapitel haben soll.

Die anderen Autoren geben ganz freundliche Hinweise, dass es doch sehr auf das Gesamtkonzept, die Szene oder Intuition ankomme. Aber Lisa platzt dann noch ein wenig der Kragen, als sie fragt:

Hallo Ngoci, hast du schon ein paar Bücher zum Lesen gekauft?

Ngoci versteht den Hieb und setzt noch einen drauf (von mir, man ahnt es schon,  „rechtschreibverbessert“):

Nicht leicht, wenn man sein ganzes Leben lang kein einziges Buch angefasst hat und plötzlich jetzt selber ein Buch schreibt

 

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