Im falschen Film: Streamen in der Geschichtsstunde

Im falschen Film: Streamen in der Geschichtsstunde

Geschichtsstunde in einem Hamburger Gymnasium, betuchter Stadtteil, wohl situierte Schülerschaft. Die Lehrerin muss beim Abitur aushelfen und die Schüler sollen sich so lange mit dem Geschichtsbuch auseinandersetzen. Aber die Zehntklässler haben da so ihre eigenen Ideen. „Sie hatten uns doch versprochen, dass wir noch einmal einen Film schauen dürfen“, so der Tenor. Ist es da ein Problem, dass die Lehrerin ausgerechnet an diesem Tag keine DVD dabei hat? Natürlich nicht, wenn die Klassenräume mit internetfähigen Smartboards ausgerüstet sind und die Schüler die einschlägigen Plattformen kennen. Die Lehrerin lässt sich überreden, sie muss selbst gar nichts tun, die Schüler kennen sich mit dem kostenlos Streamen viel besser aus.

Ehrlich, mich regt so eine Geschichtsstunde auf. Weil ich zum einen finde, dass Spielfilme ein völlig ungeeignetes Mittel sind, um 15jährigen Geschichte nahzubringen. (Anders ist das, wenn Filme etwa die Propagandafilme der NS-Zeit als Quelle und Dokument ihrer Zeit verstanden werden. Aber das sollte dann auch als Beitrag zur Medienerziehung verstanden werden. ) Überhaupt nimmt der unreflektierte Filmkonsum mit Annäherung an die Ferien rapide zu: Meine Tochter schaffte einmal vier Filme am Stück – in acht Unterrichtsstunden! Zum anderen denke ich, dass geistiges Eigentum ein hehres Gut ist, das öffentliche Schulen schützen sollten. Schon klar, „Streamen“ von Filmen befindet sich juristisch in der Grauzone, aber bei aktuellen Spielfilmen kann man davon ausgehen, das sie nicht legal auf Filesharer-Plattformen stehen. Auf keinen Fall gehören sie in die Unterrichtsstunde – wie sollten die Jugendlichen auch sonst einen Sinn für Urheberrechte entwickeln.

Ich schreibe also die Lehrerin an, mache sie auf die Frage „Kann man geistiges Eigentum stehlen“  und das passende Unterrichtsmaterial der Filmförderungsanstalt aufmerksam. Darin sogar mit ein Interview mit dem Schauspieler Florian David Fitz, der ja auch als Lehrer eine ganz gute Figur macht.

Ich füge schließlich noch einen Auszug „Fragen und Antworten zum Urheberrecht“ bei. Ich bekomme keine Antwort. Ich wende mich schriftlich an den Schulleiter und schließlich seinen Stellvertreter. Schweigen an der Oberalster. Wie das wohl bei mir ankommt? Aber das ist ja das Schlimme daran, genau das ist Schulleitung und Lehrerin offenbar egal. Ein kurzes, freundliches Dankeschön und der Hinweis, dass man die Anregung gerne aufgreifen wolle, hätten genügt. So bleibt bei mir der Unmut über Vorbilder, die keine sein wollen, Schulprogramme und Leitbilder, die niemand richtig ernst nehmen kann.