Misinformation – immer gern genommen – auch als Wort des Jahres

Misinformation – immer gern genommen – auch als Wort des Jahres

ins Visier genommen

Stimmt es eigentlich, dass…

  1. Fledermäuse blind sind?
  2. es gefährlich ist, Schlafwandler zu wecken?
  3. frische Produkte gesünder sind als tiefgefrorene?

Wenn Sie dreimal bejahen, befinden Sie sich in guter Gesellschaft – und liegen dennoch daneben. Dann haben Sie möglicherweise einfach Redewendungen wie „blind as a bat“, Alltagsmythen oder romantische Vorstellungen verinnerlicht, die zwar weit verbreitet, aber dennoch nicht richtig sind. Etwa beim Slogan „Frisch auf den Tisch“: Wer lebt denn schon direkt neben einem Feld, angelt seinen Fisch noch selbst oder beschränkt sich auf das Obst oder Gemüse, das er regional und saisonal vorfindet? Für alle anderen gilt: Die gefrorene Variante ist in Sachen Vitaminen, Antioxidantien und Nährstoffgehalt der von Transport und Lagerung gekennzeichneten Ware aus anderen Ländern überlegen.

Aber um solche inhaltlichen Details soll es hier gar nicht gehen. Es geht um die Frage, warum uns die Mythen vertrauter sind als die von mehreren und unabhängigen Wissenschaftlern erhobenen Fakten? Ganz einfach, weil die Mythen so häufig wiederholt wurden, dass wir sie irgendwann als Tatsache akzeptierten. Auch hierfür haben Wissenschaftler einen Begriff, den „mere exposure effect“: Er bedeutet nichts anderes als „steter Tropfen höhlt den Stein“. Nun könnte man meinen, dass weltweit vernetzte Wissenschaftler, die mehrheitlich in eine Richtung weisen – der Klimawandel ist echt und er ist menschengemacht – es auch schaffen sollten, sich weltweit Gehör zu verschaffen. Sie haben es aber schwer, wenn die Gegenseite präsidentielle Macht hat, Verschwörungstheorien und Gefühle gegen wissenschaftliche Daten und differenzierte Analysen stellt.

Denn das stimmt natürlich auch: Die Wahrheit ist abhängig von der Perspektive. Und die machen wir uns häufig zu einfach, stürzen uns auf das, was unsere Haltung bestätigt und ignorieren, was sie infrage stellt. Ein Beispiel: Der Kollege ergreift häufig das Wort und führt durch das Meeting. Na klar, der ist ja auch durchsetzungsfähig und souverän, oder? Während die Kollegin neben ihm eben doch eher schüchtern und unsicher ist. Dass sie vielleicht einfach nur die Klappe hält, weil sie schon mehrmals unterbrochen oder gar nicht beachtet wurde, bleibt bei dieser Sichtweise außen vor. Schließlich passt sie doch ausgezeichnet zu lange angelernten und als wahr erachteten Geschlechterstereotypen. Dagegen würde eine genauere Analyse der konkreten Situation einfach mehr Denkaufwand erfordern.

By the way:

  • Das englischsprachige Online Wörterbuch Dictionary.com hat “misinformation” zum Wort des Jahres 2018 gekürt.
  • In Deutschland haben es die „Alternativen Fakten“ 2017 zum Unwort des Jahres gebracht.
  • 2016 machte Oxford Dictionaries “post-truth” zum Wort des Jahres.

Wort oder Unwort – alles eine Frage der Sichtweise. Der Suche nach der Wahrheit hat beides nicht weiter gebracht…

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