Inforganisieren wir uns zu Tode?

Inforganisieren wir uns zu Tode?

Eine Kollegin, die ich sehr schätze, schreibt für das Fachmagazin „Der Handel„. Wenn der Platz es zulässt, gibt es auch mal Buchrezensionen, natürlich darf es nicht so viel Zeit kosten und niemand erwartet, dass da ganze Bücher gelesen werden. Ich auch nicht. Aber dass es dann ausgerechnet der Gegenpol zum Buch in die Überschrift schafft, erstaunt mich schon. Genau das ist geschehen mit dem Buch meines Freundes, Hermann Scherer, Glückskinder – ich hatte es schon an anderer Stelle empfohlen. Eine der Kernthesen Scherers lautet:

Der denkbar schlechteste Zustand ist heute. Der Hauptgegner der Chance ist die Zufriedenheit.

Was schreibt der Handel unter der Überschrift „Zufrieden werden“ über das Buch:

Unterhaltsame Lektüre über die vielen unbeachteten Chancen auf dem Weg zu mehr Selbstzufriedenheit.

Was ist passiert? Nun, das ist vermutlich ganz einfach zu erklären. Das Fachmagazin wendet sich an den Einzelhandel. Da ist der Begriff Glück eher unpassend – es geht um erfolgreiche Geschäfte und allenfalls zufriedene Mitarbeiter. Glückliche Mitarbeiter, die querdenken und Gewohntes in Frage stellen, sind da gar nicht so gefragt. Die Redakteurin hat aber den Buchinhalt nicht verdrehen wollen – sonst hätte sie das Buch vermutlich gar nicht empfohlen. Sie hat die Botschaft einfach nur in ihr System übersetzt und alle anderen Informationen ausgeblendet.

Ich denke, dass ist ein typisches Phänomen unserer modernen Welt. Wir werden mit Informationen überflutet und versuchen der Flut mit Organisationstalent und Informationsverarbeitung Herr zu werden. Schnell werden Daten abgelegt, mit vorhandenen Wissen verknüpft, mit immer neuen Tools berechnet. Um Platz zu machen für die nächste Nachricht. Aber so erhalten wir keine neuen Impulse und Erkenntnisse, wie der Philosoph Gerhard Hofweber im Abendblatt betont:

Wir denken nur noch in bestimmten Schranken. Wir nutzen das Potenzial unseres Denkens nicht aus. Wir sind überinformiert, aber es fehlt uns an Erkenntnissen.“

Ganz profan übersetzt für Ihre Pressearbeit heißt das: Sie müssen sich in die Denkstrukturen Ihres Ansprechpartners hineinversetzen und einen Anker findet, der ihre Botschaft mit den Themen der Zielperson verbindet. Und für Ihr persönliches Glück heißt es: Sie müssen Ihr Denken in jede Richtung öffnen, eine entspannte Wachheit entwickeln und Intuition zulassen. Warum ist das Bild des kreativen Einfalls hinter dem Duschvorhang so verbreitet? Weil der Kreative da ganz entspannt ist, sich nur zu einem geringen Teil mit seiner Aufgabe oder seinem Problem beschäftigt, für das er schon seit Tagen eine Lösung sucht. Der größte Teil seiner Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas, von dem er noch nicht weiß, was es ist. Und plötzlich entsteht eine neue Idee, eine Lösung, ein Geistesblitz. Oder die Brücke zwischen der konkreten Welt der Materie und der abstrakten Welt der Ideen, wie es die Philosophin Natalie Knapp in ihrem sehr empfehlenswerten Buch beschreibt.

Was wir von der modernen Physik lernen können

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