Werbung wider Willen

Werbung wider Willen

Die eingriffslose Bauchentfettung, Milka Probierpakete oder ein dreifaches Hartz IV – solche Betreffzeilen filtert der Spamfilter meines Mailprogramms anstandslos heraus. Aber manchmal rutscht doch etwas durch, was nicht mehr viel mit Werbung zu tun hat, sondern schlichtweg Spam ist:
Hallo mein Bester! …
Es gibt viele Frauen, evtl. auch aus Deiner Nachbarschaft, die ein schnelles Date suchen.
Hier direkt per Webseite kennenlernen. Bei uns sind mehr als 125000 Frauen registriert…“
Blöd nur, dass ich gerade keine Lust auf Frauen habe, schon gar nicht aus der Nachbarschaft. Kann also weg.

Und dies hier gleich mit:
„Ich bin ein Direktor in der Projekt- und Planungsabteilung der China National Offshore Oil Corporation in Hongkong. Ich habe über Sie während meiner Suche zu wissen, für eine zuverlässige und seriöse Person, die eine sehr vertrauliche Transaktion zu handhaben die die Übertragung von einer angemessenen Höhe der Investitionskapital in Höhe von zwanzig zwei Millionen Dollar beinhaltet.“
Wohl kein Mail-Empfänger wäre so blöd, dem Spammer seine „kompletten Bio-Daten wie vollständigen Namen, Ihr Alter und aktuelle Adresse aus Sicherheitsgründen andere Mail-Adresse“… preiszugeben, zu schlecht ist die Übersetzung, zu offensichtlich der Spam und ja auch die kriminelle Absicht.

Ganz anders aber bei datenbasierten Geschäftsmodellen wie Facebook. Da lassen wir keinerlei Vorsicht walten, lesen weder AGBs, noch üben wir Zurückhaltung, wenn es um unsere privaten Vorlieben und Wünsche geht. Und wundern uns dann, wenn Facebook daraus ein digitales Psychogramm erstellt und es meistbietend vermarktet. Entweder durch auf unsere Posts abgestimmte Werbung. Oder durch Weitergabe der Daten an Dritte, etwa an einen Dozenten an der Cambridge-University. Dumm nur, wenn der die 50 Millionen Daten weitergibt, etwa an Cambridge Analytica, die damit den US-Wahlkampf beeinflusste. Und jetzt haben wir den „Skandal“, der eigentlich nur offensichtlich macht, was wir längst schon hätten wissen müssen.

Was folgt daraus:
1) Bewusstsein schaffen: Welche meiner Daten will ich wirklich öffentlich teilen?
2) Apps meiden: Wenn ich mich mit meinem Profil in einer App oder auf einer Webseite anmelde, übergibt Facebook die Daten und Rechte weiter.
3) Sich entscheiden: Will ich in dem Geschäftsmodell weiter mitmachen?

Ich persönlich habe mich entschieden, Facebook nur noch für das zu nutzen, was es ist: Werbung, hier in eigener Sache. (Mit der Folge, dass es mit dem Targeting nicht ganz so gut klappt, aber die Anzeigen zur Fettreduzierung nehme ich sowieso nicht wahr!) Andere sind da konsequenter und löschen ihr Konto ganz, wenn das denn überhaupt noch geht! Die meisten Nutzer allerdings posten weiter als sei nichts geschehen. Vielleicht hoffen sie ja, dass ihnen Facebook die Treue eines Tages dankt. Oder wie es mein Kollege Jörg Noll in seinen lesenswerten Marginalien unter der Überschrift „Kollegengespräch“ so schön auf den Punkt brachte:

„Zuckerberg? Ist das nicht der Typ, der uns etliche Dollar schuldet, weil wir hier diesen Affenzirkus bespaßen?“

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