Aber bitte mit Sorgfalt

Aber bitte mit Sorgfalt

Eine russische Rakete des Typs Kh-101 trifft ein Kinderkrankenhaus in Kiew. So berichten am 8. Juli 2024 etwa Amnesty International, die Tagesschau oder in der Folge weitere deutsche Medien. In russischen Medien tauchen dagegen andere Varianten der Ereignisse auf. Irina Rastorgueva, Sachbuchpreisträgerin der Leipziger Buchmesse spricht von „Pop-up Propaganda“: Immer neue Varianten der Ereignisse fluten das Netz und die Empfänger dieser Meldungen blicken am Ende nicht mehr durch. Typische Muster dabei:

  • Dem Gegner die Schuld in die Schuhe schieben: Es war eine ukrainische Rakete, keine russische.
  • Verschwörungstheorien: Es war eine russische Rakete, aber sie war gegen ukrainische Terroristen gerichtet
  • Leugnung: Es gab gar keine Rakete, ein Munitionsdepot sei detoniert

„Was nicht ins Weltbild passt, das existiert nicht.“

Irina Rastorgueva im Deutschlandfunk Kultur am 22. März

Propaganda arbeitet nicht mit Fakten und nicht mit Logik. Und wenn jeder vertrieben wird, der wie die Autorin auf Wahrheit und Kritik setzt, bleibt am Ende nur die Auseinandersetzung mit der eigenen, vermutlich nicht ganz so rosigen Realität. Was hat diese mit der verbreiteten Version der Wirklichkeit gemein? Irina Rastorguevas Buch mit dem Untertitel „Epikrise der russischen Selbstvergiftung“ beschreibt, wie weit sich nach einem Vierteljahrhundert Putin-Herrschaft Realität und Kreml-Propaganda voneinander entfernt haben. Für mich überraschend: Behörden, ein großer Teil der Bevölkerung, aber auch der Herrscher selbst leben in einer Fake-Welt. So bekommt auch Putin Zivilisation vorgespielt, wenn bröckelnde Fassaden mit Plakaten verdeckt, Straßen geplastert oder sogar Rasen vor jedem Besuch des Staatspräsidenten grün gefärbt werden. Ein absurdes Theater!

Was können wir solchen Inszenierungen entgegensetzen?

  • Genau hinschauen, genau lesen und zuhören
  • Sich bewusst machen, dass die eigene Wahrnehmung durch Nachrichten und Bilder manipuliert werden kann
  • Kameras und Aufnahmegeräte ausschalten, Schonräume aufsuchen, Diskretion ermöglichen
  • Sich einer Meinungsdiät unterziehen

Ein schlichtes Beispiel: Ein Freund fragt mich in einer Mail nach einem Tipp für eine Wanderung entweder in Tschechien oder der Slowakei. Mein flüchtiges Lesen macht aus den zwei Destinationen eine, nämlich Slowenien. Vielleicht weil meine Tochter dahin gereist ist und eindrucksvolle Wandererlebnisse mitgebracht hat. Ich entwerfe meinem Studienfreund mit Hilfe der Erlebnisse meiner Tochter und der KI eine 5- bis 6-tägige Streckenwanderung – und wundere mich, warum das nicht auf Resonanz trifft. Eine Verabredung klärt das Missverständnis auf. Ich lese sorgfältig nach – in der hundertprozentigen Gewissheit, schon beim ersten Mal richtig gelesen zu haben. Hatte ich aber nicht!

Ein bewusst harmloses Beispiel für verzerrte Wahrnehmung, ich weiß. Ich weiß aber auch, Daueralarmismus bringt uns nicht weiter. Im Gegenteil, er erschwert das genaue Zuhören, die Sorgfalt beim Lesen, die exakte Recherche, weil Gefühle und Selbstschutz angesprochen werden. Warnungen gibt es schon genug. Sie sollten ernst genommen werden, aber mit kühlem Kopf, sorgfältiger Analyse und genauem Hinschauen.

„Die Luft in meinem Europa zittert und riecht nach August 1939.“

Alhierd Bacharevič, Autor von „Europas Hunde“ und Träger des Buchpreises für europäische Verständigung

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