Anstoß zum Austausch

Anstoß zum Austausch

In einem Reisemagazin über Finnland fiel mir neulich ein besonderes langes, für mich schwerfälliges Wort mit einer noch längeren und doch leichten Bedeutung entgegen. Es ist „Kalsarikänni“, setzt sich aus „kalsarit“ (Unterhose/lange Unterwäsche) und „känni“ (Schwips, betrunkener Zustand) zusammen und beschreibt das Phänomen, sich allein zu Hause in Unterwäsche zu betrinken.

Wie ungewöhnlich, dachte ich, und dass man darüber mal schreiben müsste, über die Finnen und ihren Hang zum Alkohol, aber auch ihre Genügsamkeit und Entspanntheit: Hippe Partyevents und den Lärm darum, etwa Bilder, die man postet und damit das Netz verpestet, brauchen sie nicht. Stattdessen für ihre Botschaft und das Phänomen dahinter nur ein einzige Wort.

Dann fing ich an zu recherchieren. Ich fand:

  • Jede Menge Corona- und Lockdown-Ratgeber haben die finnische Entspannungstechnik empfohlen.
  • Ein ganzes Taschenbuch handelt davon, geschrieben von einem finnischen Kalsarikänni-Experte, so behauptet zumindest der Klappentext.
  • Offizielle „Finnland‑Emojis“ zeigen einen Mann, der Unterhose und Bierkrug trägt, die Frau hingegen brave Kinderunterwäsche und Weinglas.

Vielleicht sollte ich lieber über Geschlechterklischees unter Kalsarikänni-Experten schreiben, denke ich kurz und verwerfe das sogleich. Klar ist, die Geschichte um Kalsarikänni ist keine mehr und genau darum muss es gehen, wenn es um die Zukunft des Journalismus geht: in die Tiefe gehen, Neues schaffen und das weglassen, was sich vermeintlich als neu verkauft, aber nur alter Wein in neuen Schläuchen ist. Wer anschließend liest, sieht oder hört, kann Stream, Newsfeed und Live-Ticker getrost abschalten und ist dennoch informiert.

Journalismus 2030: Weniger Inhalt, mehr Information

Gedanken dazu haben sich 75 kluge Medienleute in der Journalist-Jubiläumsausgabe „75 Ideen für den Journalismus” gemacht. Drei von ihnen haben mich besonders angesprochen.

  • Zum Start: dpa-Strategiechefin Astrid Maier stellt die journalistische Superkraft vor, nämlich Fragen zu stellen, etwa die, warum es überhaupt Journalismus gibt.
  • Mittendrin: Zukunftsforscher Tristan Horx beschreibt die Besonderheit des Analogen und dass Journalismus wieder besonders wird, wenn er aus der Logik der Sprachlernmodelle ausbricht.
  • Das Beste zum Schluss: Autor Timur Vermes zählt offenbar nicht zu den 75 Ideengebern, sondern ist on top und schreibt ein wunderschönes Plädoyer für das Printprodukt. Weil es einen Anfang und ein Ende hat. Weil keiner reinquatscht, weiterempfiehlt oder ablenkt. Weil schon das Überblättern informiert. Titel: Der wichtige Scheiß. Unterzeile: Kasperquatsch gibt’s online. Großartig!

Apropos: 75 Jahre „Anregung zum Gedankenaustausch“ – seit wann genau gibt es die „journalistin“? Da zeigt sich mal wieder, dass Gendern nicht immer der Gleichberechtigung dienlich ist.

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