Vom Jugend- zum Journalistenwort des Jahres

Vom Jugend- zum Journalistenwort des Jahres

Am 10.10. schwang noch ein Lächeln mit, als Tagesschau-Sprecherin Susanne Daubner feierlich das Jugendwort des Jahres verkündigte: „Ragebait“. Seitdem haben viele junge, aber auch ältere Leute in Frankreich und anderen europäischen Ländern ihre Wut auf die Straße getragen. Ob sie dabei Opfer gezielter Manipulation in sozialen Medien wurden oder auf erlebte soziale und politische Missstände aufmerksam machen, darüber streitet nicht nur die Politik. Die Bilder aus maroden Schulen sind jedenfalls erschreckend, die Lebenshaltungskosten hoch, die Zukunftchancen vage. „Ragebait“ kann da maximale Reaktionen auslösen. Schließlich steht der Begriff für die Internet-Logik: je mehr Aufregung, desto mehr Reichweite.

„Ragebait“ – ein Kommunikationsprinzip unserer Zeit

Anders gesagt, Empörung, Zuspitzung und Reichweitenmechaniken bringen uns maximal auf die Barrikaden und in keinem Fall weiter. Um zu verstehen, was sich in Frankreich zusammenbraut, braucht es Recherche, Einordnung, Dokumentation – und damit Qualitätsjournalismus. Dieser sorgt für verlässliche Information und ist ein Grundpfeiler der Demokratie. Auch wenn es geradezu wütend machen kann, wie wenig das gewürdigt wird und wie unfair die Bedingungen sind, die Beispiele der Meta-Konzern Digitalpublishern und Zeitungsverlegern aufdrängt. „Wer an unser Archiv will, will ans Herz der Badischen Zeitung“, so bringt Carolin Buchheim, Chefredakteurin der Badischen Zeitung die Debatte um die kostenlose Nutzung journalistischer Inhalte durch KI-Systeme auf den Punkt.

Gesucht: Das Journalistenwort des Jahres

Die Inhalte stammen von Menschen. Die Aufmerksamkeit landet bei Plattformen. Daher möchte ich die Branche in den Mittelpunkt stellen, die über Jugendworte und Co. berichtet und dabei selbst zum „Kollateralschaden des unersättlichen Hungers der KI nach menschengemachten Inhalten“ wird, wie Carolin Buchheim schreibt. Ihrem Anliegen gilt mein erster Vorschlag für ein Journalistenwort der Jahres:

  • Archivhoheit – aber kann Verlässlichkeit die Ökonomie der Aufmerksamkeit schlagen? Der Begriff klingt nach Ausschuss, ist nicht international anschlussfähig und erzeugt keine Bilder, leider…
  • Vorsicht Hintergründe – ist ein Slogan, der mir gefällt, aber zugegeben er braucht zwei Worte…
  • Truthbait – wäre die Antwort auf das Jugendwort des Jahres, ist aber Kopie, nicht Original, weshalb die KI
  • Truth Mining – vorschlägt, also wieder zwei Worte und dann noch von der KI, nein danke!
  • Netlegyoga – ist von mir und sicher viel zu gewollt und doch meine Überzeugung, weil Recherche, Kontakte, Verifikation durch Profis das Gefühl des andauernden kulturellen Jetlags lindern können.

Kann man eine komplexe Debatte überhaupt auf einen Nenner bringen?

Geht das nicht wieder in die Richtung von Klickbaiting?

Es nützt ja nichts: Wenn ein Eintrag wie dieser im Verborgenen bleibt, verbraucht man nur Energie und bewegt nichts. Daher freue ich mich über Anregungen und Ihre Favoriten.

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