Auf ein Wort

Auf ein Wort

Der Mai ist gegangen – was wird bleiben, wenn die Bäume nicht mehr ausschlagen, Wonne in Unbehagen schlägt, Energie, Krieg und Innenpolitik zum Begriff der Versorgungssicherheit verschmelzen?

„Eine schlimme Behagensminderung“, schreibt Thomas Mann, als er mit seiner Frau Katia die Schweiz im Schlafwagen Richtung Mulhouse und damit französisches Exil verlässt. Was dem Nobelpreisträger im Mai das Behagen mindert, ist der Umstand, dass kein Wagon-Restaurant im Zug ist und damit keine Chance bis Marseille ein warmes Getränk zu bekommen. Es gibt Schlimmeres, denkt man an die Deutsche Reichsbahn, die Millionen Juden, Sinti und Roma unter unmenschlichen Bedingungen nach Auschwitz, Sobibor und Bergen-Belsen deportierte. Aber wir sind erst im Mai 1933, die Machtergreifung der Nazis liegt gerade mal vier Monate zurück. Da hat die „Behagensminderung“ noch das Zeug, zum Wort des Jahres zu werden.

Die Wörter des Jahres werden bekanntlich zum Ende des Jahres gewählt. Ist da noch im Kopf, was uns im Mai bewegt, behagt und widerstrebt hat? Ich denke, wir sollten viel öfter innehalten und uns bewusst werden, welche Kampf-,Schimpf- und Schlagworte wir viel zu häufig benutzen und wo mehr Maß und Mäßigung angesagt wäre.

Was wäre Ihr Wort des Monats?

Dass es Schlimmeres gibt als die Zugfahrt ohne Kaffee, Thomas Mann weiß es längst. Als er aus dem ehrwürdige Rotary Club herausgeworfen wird, als seine Lieblingsstadt München einen Protest gegen ihn wegen seines verkürzt verbreiteten Vortrags über Richard Wagner lostritt, mit viel Pathos und Wortgeklingel meint, den großen Komponisten vor dem „Reichsflüchtling Mann“ in Schutz nehmen zu müssen, da notiert Mann in sein Tagebuch:

Schauriger, deprimierender und erregender Eindruck von dem reduzierten, verwilderten und gemeinbedrohlichen Geisteszustand in Deutschland.

Viele Adjektive, bezeichnend für das Jahr 1933. Was bezeichnet 2026?

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