Vom Vor- zum Leitsatz: Wider das Selfie von der Stange

Vom Vor- zum Leitsatz: Wider das Selfie von der Stange

indexEs liegt bestimmt an der „Vor“-Silbe. So wie ein Vorhaben noch kein Guthaben schafft, bleibt vom guten Vorsatz häufig nicht mal ein ganzer Satz übrig: Ich hatte mir zwar für 2015 vorgenommen, jeden Morgen zu laufen, aber… Deshalb sollten wir uns für das neue Jahr weniger vornehmen, aber mehr tun. An und bei uns selbst, denn das geht bekanntlich immer besser, als andere zu ändern. Eine Sache liegt mir da am Herzen: gesundes „Selbst“-Bewusstsein – und dazu gehört auch, die eigene Meinung und Sichtweise in Frage zu stellen, sich in den anderen hineinzuversetzen und nicht gleich zu diffamieren. Wenn ich mir so manche Leserkommentare anschaue, etwa zur Frage der Unabhängigkeit der Presse, wird mir angst und bange: Es ist ja vorhersehbar, dass ein Kommentator mit dem Fake-Namen “Schrottpresse“ gegen eine gleich- und fremdgeschaltete Presse wettert, aber das tun eben auch Leute wie Klaus Hillebrand, wobei niemand weiß, ob es der Arzt aus Herten, der Steuerberater aus Bochum oder eben doch nur ein Tarnname ist. Dass das Internet zur Radikalisierung der Ansichten einlädt, betont selbst Klug-Beißer Sascha Lobo. Und sieht doch die Schuld bei den Medien selbst: Sie hätten Kommentar-Friedhöfe eingerichtet und nie den echten Dialog mit den Lesern gewollt. Wie aber will man argumentieren gegen Hetze und die Überzeugung „Wer meine Meinung nicht teilt, der lügt“? Meine Leitsätze für 2015 lauten daher:

Glaub nicht alles, was du liest.

Ja, eine gewisse kritische Distanz gegen der Berichterstattung in Medien ist sicher angesagt – ebenso wie gegenüber dem Gerede von einer Medienverschwörung.

Glaub nicht alles, was du siehst.

Wie Bürger mit Werbung Meinung machen, hat der Zeit-Redakteur Frank Drieschner in der ersten Ausgabe des Jahres eindrucksvoll belegt: Da behängt eine Bürgerinitiatve Bäume mit Trauerflor, obwohl nur ein einziger Baum für die Busbeschleunigung gefällt werden soll. Oder verteilt das Bild eines geschlossenen Ladens: „Dank Busbeschleunigung in den Ruin getrieben“ – dabei hatte das Geschäft schon lange vor der ersten Baumaßnahme geschlossen.

Glaub nicht alles, was du denkst.

Gedanken und Gefühle sind keine Fakten, sie sind veränderbar. Wie das geht, kann man in der aktuellen Abendblatt-Ausgabe nachlesen. Man kann sich aber auch selbst hinterfragen: Bin ich ein besserer Mensch, wenn ich Bilder von mir ins Netz stelle und die Hälfte meiner Freunde dies gut findet. Selbstbewusstsein ist weit entfernt von jeder Selfie-Obsession.

 

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