Reife von zweifelhalftem Ruf: Was ist das Abi noch wert?

Reife von zweifelhalftem Ruf: Was ist das Abi noch wert?

Kürzlich las ich in einem Welt-Beitrag über die „Die gefährliche Entwertung des deutschen Abiturs“ und wunderte mich. Über einen 18jährigen, der sich über die Deutschprüfung in der zehnten Klasse aufregte. Dafür hatte er nämlich intensiv gelernt, extra einen Nachhilfelehrer engagiert und das Buch „Die Entdeckung der Currywurst“ so genau gelesen, dass er es fast auswendig kannte. Am Ende kamen aber nur Fragen, die jeder mit ein wenig Menschenverstand beantworten konnte.

Viele der Antworten ergaben sich aus den Fragen oder den vorliegenden Texten. Man musste sie nur genau genug analysieren.images

Ja, und? Was ist so schlecht daran? Und wieso spricht einer mit 18 überhaupt noch über die 10. Klasse? Mich stimmt es zumindest hoffnungsfroh, dass einer im 21. Jahrhundert mit Auswendiglernen nicht weiter kommt. Wer stets nur die Antworten sucht, die der Lehrer bereits im Kopf hat, ist nicht dazu angetan, Ausnahmeleistungen, Innovationen und Lösungen für morgen zu liefern. Zumal lineare Logik zirkuläre Verursacherketten in der modernen vernetzten Welt nicht erfassen kann. Übrigens bin ich, was moderne Problemlösungskompetenzen betrifft, gar nicht so pessimistisch.

Ein Beispiel: Weil sich  Klasse und Lehrerin nicht einig waren, ob mein FAZ-Beitrag, nun eine Reportage oder ein Bericht sei, rief  ein schleswig-holsteinischer Abiturient kurzerhand mich, die Autorin an. Und bekam Recht: es handelt sich um einen Bericht. Ich frage mich allerdings, ob die Unterscheidung wirklich abiturrelevant ist. Thema lautete übrigens: Noten in Nöten!

Mag ja sogar sein, dass heute häufiger Einsen vergeben werden als noch vor 30 Jahren. Da machte ich Abitur und der beste Schnitt an meiner Schule lag bei 2,0 Punkten. Was die Leute übrigens nicht gehindert hat, etwas aus ihrem Leben zu machen: Beim Klassentreffen geben sich promovierte Chemiker und Ärzte, eine Vorzeigeunternehmerin und eine Professorin die Hand. Wobei der schlechte Notenspiegel sicher nicht nur an den vermeintlich strengeren Lehrern und Maßstäben lag. Jedenfalls kann ich mit den Themen meiner16jährige Tochter in der 11. Klasse nicht ganz mithalten.

In Deutsch hat sie gerade Ödipus von Sophokles gelesen, ein immer 2439 Jahre altes Werk. Nun ist der „Verschollene“ dran oder wie sich Kafka Amerika vorstellte. In Physik geht es um Schwingungen und Astrophysik, in Mathe um Vektoren und Matrizen, Determinanten und Eigenwerte. Noch Fragen? Ja, schon, auch wie man allen Wandertagen, Konferenzen oder Berufsorientierungsaktionen zum Trotz so weit kommen kann. Letztere finden nun diese Woche statt. Meine Tochter darf zwischen Design, Logopädie und Jura wählen. Und ich denke, dass wir zu viel von der Schule erwarten: Sie soll bildungsferne Schichten zur Bildung bringen, Top-Talente zum Außergewöhnlichen, Seelsorge, Psychotherapie und Berufsorientierung in einem bieten. Am Ende bleibt nichts als Durchschnitt.

 

 

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