Eine Frage der Relevanz

Eine Frage der Relevanz

Karl Valentin würde staunen. Schaute der Komiker in Zeiten einer Fußballweltmeisterschaft erst ins Netz, womöglich auf Twitter, dann in die Tageszeitung und schließlich die Tagesschau. Dass nämlich weit mehr in der Welt passiert, als etwa in 15 Minuten Tagesschau passt, ist unübersehbar. Da ging es zwei Tage nach dem Spiel der Deutschen gegen Spanien erst um die Erleichterung der Zuwanderung, die Verzögerung des deutschlandweiten 49-Euro-Tickets, Katar und sein Flüssigerdgas, schließlich um die Not in der Ukraine, die russischen Angriffe auf die Infrastruktur und damit Kriegsverbrechen, die vor ein Sondertribunal des Internationalen Strafgerichtshof gebracht werden sollen.

Blieben noch fünf Minuten für das, was sonst noch in der Welt geschah. Iran, China, Holodomor? Artensterben, Erderhitzung und Durchbrüche im Kampf dagegen? Nein, die Redaktion votierte noch mal für Katar. Aber nicht für die drastisch nach oben korrigierte Zahl der toten Gastarbeiter. Sondern für Fußball. Zwei Spiele werden in Ausschnitten gezeigt und das Beste zum Schluss: Es ist die deutsche Mannschaft beim Training und in einer Pressekonferenz. Wer stürmt beim nächsten Match? „Da müssen wir den Trainer fragen“, sagt Thomas Müller. Aber immerhin: „Die Stimmung ist gut, wir haben Bock auf das letzte Spiel“, so Niclas Füllkrug.

Ich zitiere das hier so ausführlich, weil es die Absurdität des Beitrags deutlich macht. Ja, was sollen denn Spieler vor ihrem nächsten Match auch anderes sagen? Was ist daran bitte schön neu, unerwartet, relevant? Wo ist die Nachricht?

Die Zuschauer wollen es so, lautet die notorische Antwort der Redaktionsleitungen und Blattmacher, wenn es um Tod, Promis oder Fußball geht. Selbst wenn das stimmt, was ich bezweifele, reicht das nicht, um relevant genug für eine nationale Nachrichtensendung zu sein. Es müsste doch auch um Perspektiven, Wandel und Impulse gehen.

Wann ist eine Nachricht eine Nachricht?

Nehmen wir mal den 17. November. Eine Frau stirbt auf der Straße. Sie hat die Fahrbahn trotz roter Fußgängerampel betreten und wurde von einem Lastwagen erfasst. Das ist schlimm, ohne Frage. Aber das ist keine News, die irgendetwas bewegt oder gar zum Guten verändert. Die Botschaft, dass Verkehrsregeln Leben schützen können, aber große Straßen grundsätzlich gefährlich sind, hat sich herumgesprochen.

Die dpa-Meldung dazu ist noch keine Stunde halt, da erhalte ich eine SMS vom Hamburg Journal: Sie müssten leider absagen, es sei zu viel Aktuelles passiert, die Sendung voll. Auf Nachfrage heißt es: „Aktualität schlägt Planung.“ In dem Gespräch wird aber auch deutlich, dass man ganz pragmatisch die letzte Veranstaltung des Tages ersatzlos von der Agenda gestrichen hat. Das betrifft den Dreh mit Kindern und Jugendlichen, die den MINT-Tag-Wettbewerb gewonnen haben, immerhin ein Landeswettbewerb. Und die nicht ohne das schriftliche Einverständnis ihrer Eltern hätten gefilmt werden dürfen. Viel Wind für nichts also.

Aber das ist noch nicht alles. Die Botschaft, die damit einhergeht, bleibt haften. Sie lautet: Die 70-jährige Tote hat mehr Relevanz als der Nachwuchs, den Handwerk, Forschung und Industrie so dringend brauchen.

Bei Dämmerung kuratieren

Ich bin ja irgendwie auch ein Medienmensch. Wenn auch nur ein ganz kleiner. Nehme mir dafür Großes für die Zukunft vor. Etwa:

  • Nachrichten verbreiten, die zum Nachdenken und Nachmachen anregen
  • Promis und Phrasen außer Acht lassen
  • Lieber denen eine Stimme geben, die in den Aufmachern nicht vorkommen
  • Bei Dämmerung kuratieren, also möglichst den eigenen Filter und Filz transparent machen
  • Karl Valentin nacheifern – Humor hilft gegen Engstirnigkeit

Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.”

Karl Valentins gesammelte Werke
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