Filterblasenblubb

Filterblasenblubb

Nein, er hat nicht gebohrt. Er hat nur geblubbert. Aber das hat ziemlich wehgetan. Mein Zahnarzt, ein BlaBlaZar. Dabei fing alles ganz harmlos an.

Während wir auf den Chef warten, plaudert die Zahnarzthelferin noch mit mir. Wir stellen fest, dass sie nachts allein Angst in der U-Bahn hat und ich im Auto. Wobei sie nachts auch nicht öffentlich fährt, ich aber schon bei Dunkelheit gelegentlich den PKW benutze. Dann kommt der Chef hinzu und betont, dass er auch lieber Auto fährt. (In einem ziemlich flotten Alpha Romeo habe ich ihn mal gesehen, aber das ist Jahre her). Ich konstatiere lapidar, dass sich beide nicht in bester Gesellschaft befänden, öffentlich liegt im Trend.

Ach, hätte ich doch nur geschwiegen. So gibt ein Wort das andere. Welche genau fallen, will und kann ich hier nicht zitieren. Es würde meine Seite vergiften. Denn irgendwie kommt der Zahnarzt von den Menschen, die sich nichts anderes als den öffentlichen Nahverkehr leisten können auf die Einwanderer, die nur von unseren Sozialsystemen angelockt werden und nun auch noch Feinstaubwerte hochtreiben – „auch wenn die Journaille das immer anders darstellt.“

Der Mann hat studiert. Er müsste selbst merken, dass das hanebüchene Unsinn ist. Denn wenn die Migration daran schuld ist, dass immer mehr Menschen Bahn und Bus fahren müssen, kann sie nicht gleichzeitig schuld sein, dass die Dieselabgase in bundesdeutschen Städten zugenommen haben. Und wenn er mal Zeitung lesen würde, wüsste er, dass FAZ, Welt oder Bild-Zeitung die Willkommenskultur längst abgeschrieben haben. Und dass man nicht eine ganze Zunft in die Schublade packen kann, nicht die Ärzte in die der Kurpfuscher, Quacksalber oder Götter in Weiß und ebensowenig die Journalisten in die der Lügner.

Mich macht das sprachlos. Wenn jemand für sich so in Anspruch nimmt, die Wahrheit gepachtet zu haben, wo Demut, Fragen und Verzicht auf Gewissheit angebracht wären. Georg Mascolo hat in seinem Beitrag für das Medienmagazin Journalist für ein Gegenmodell zur Filterblase plädiert, das sich an jede richtet, die gehört werden wollen, aber auch noch zuhören. Und Florian Harms fordert in derselben Ausgabe „Schluss mit der Featureritis, her mit den Fakten!“. Andererseits mahnt der Sozialpsychologe Harald Welzer im stern (Ausgabe: „Ihr Kampf“), dass wir den Sprücheklopfern im bürgerlichen Gewand widersprechen sollen; verdeutlichen, dass nicht jeder die kruden Ansichten teilt. Sonst könnten sich Moralvorstellungen und Konsens generell verschieben, warnt der Professor: Die Nazis hätten auch nicht schon 1933 reichsweit Juden enteignen und deportieren können. Das ging erst acht Jahre später.

Stern-Titel am 24. Januar
„Wir erleben eine gefährliche Verschiebung“, Interview mit Professor Harald Welzer , S. 32

Zahnarztbesuch, am 22. Februar. Es ist der Tag, an dem die Nazis die Geschwister Scholl und ihren Freund Christoph Probst ermordeten.

„So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln.“

Sophie Scholl , 22.02.1943

Ich habe am Schluss endlich den Mund aufgemacht. Der Zahnarzt ist mit seinem Scaler durch die Reihen gegangen. Es hat nicht mal eine Minute gedauert. Dann ist er gegangen. Die Helferin hat nur mit dem Kopf geschüttelt. Nie wieder will sie von ihrer Angst vorm öffentlichen Nahverkehr anfangen.

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